Detailansicht ['solid]
Politische Hintergründe um den 13. August 1961
1,35 Milliarden Valuta-Mark betrug 1961 das Außenhandelsdefizit der DDR; 500 Millionen der Verbindlichkeiten entfielen auf den Westen, rund 800 Millionen auf die UdSSR. 4,3 Milliarden Dollar betrug die Reparationslast Ostdeutschlands; für Westdeutschland eine halbe Milliarde. 2 738 466 Bürgerinnen und Bürger verließen von 1949 bis 1961 die DDR, meist aus wirtschaftlichen Gründen. Über 90 % nutzten dazu Westberlin. Fast 50% davon waren Jugendliche unter 25 Jahren.
Der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser kam zu dem Ergebnis, dass Westdeutschland so jährlich rund 2,5 Milliarden DM an Humankapital erhielt, was die Marshallplan-Hilfe der Alliierten für die BRD um ein Vielfaches über- traf. Er berücksichtigte dabei, dass in diesem Zeitraum jährlich etwa 10 000 Menschen in die DDR übersiedelten, oft Arbeitslose und wenig Ausgebildete, die kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten.
Übrigens: Nach 1990 haben etwa drei Millionen Menschen die ostdeutschen Bundesländer verlassen und sind meist in die westlichen Bundesländer übergesiedelt, vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen. 40 000 bis 60 000 betrug 1961 die Zahl der Grenzgänger West. Das waren Bürger Ostberlins, die ihren Arbeitsplatz im Westberlin hatten. Umgekehrt waren es zum gleichen Zeitpunkt etwa 12 000 Menschen, die täglich nach Ostberlin zum Arbeiten kamen. Die unterschiedlichen Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse zwischen Ost- und Westberlin (etwa 4fach höhere Kaufkraft im Westen) führten zu Verlusten für die DDR von jährlich weit über einer Milliarde DM. 125 Menschen fanden an der Berliner Mauer den Tod. In 81 Fällen steht die Klärung noch aus. Das letzte Opfer war ein 14-jähriger „Mauerspecht“, der von einer umstürzenden Platte erschlagen wurde. 111 Todesopfer waren an der Grenze zwischen der DDR und der BRD zu beklagen. 140 Menschen verloren bei Flucht- versuchen über die Ostsee ihr Leben.
Quelle: Bundesarchiv; SiegfriedProkop – Die Berliner Mauer (1961-
1989); Heinz Kessler/Fritz Streletz – Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben;Internet.
Verkehrte Welt
Liest man heute geschriebene Bücher, Dokumente, Erinnerungen oder gar Medienberichte über jene Tage um den 13. August 1961 vor 50 Jahren, dann scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Wie damals dominieren Ideologie, Propaganda, Klischees und Vorurteile, aber auch Unwissenheit und gegenseitige Beschuldigungen bei der
Aufarbeitung dieser außerordentlichen Zäsuren der europäischen
Nachkriegsentwicklung. Nur gewissermaßen gedreht. Gebetsmühlenartig wird beispielsweise der Halbsatz von Walter Ulbricht „… niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ wiederholt, um ihn entgegen der Tatsachen als üblen Lügner und Mauerbauer darzustellen. Diesmal sind die DDR-Militärs Armeegeneral a.D. Heinz Keßler und Generaloberst a.D. Fritz Streletz die bösen Buben, die gerade ein Buch dazu veröffentlicht haben. Dabei sind beide geradezu zurückhaltend in ihren Aussagen: Sie verzichten auf Propaganda-Sprüche und konzentrieren sich als geschulte Marxisten auf die nachgewiesenen historischen Fakten. Das istauch eine Methode für die LINKEN geblieben. Und: Die beiden wussten wohl schon damals, was der Nato-Plan bei einer erneuten Berlin-Krise nach 1948 vorsah, nämlich eine Kernwaffe auf sowjetische Truppenkonzentrationen in
der DDR zu werfen. Das hätte zweifelsfrei den Dritten
Weltkrieg ausgelöst.
Übrigens, während Moskau seine Archive diesbezüglich geöffnet hat, schlummert das Nato-Dokument von 1961 immer noch unter Verschluss. Die Geschichte mit der Kernwaffe ist in den Memoiren von Franz Josef Strauß, damaliger Verteidigungsminister der BRD, zu finden. Wir wissen heute, dass die Besonnenheit von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, KPdSU-Generalsekretär und sowjetischer Premier, und John F. Kennedy, USA-Präsident, die Bombe im Depot hielt. Beide hart in der Durchsetzung der eigenen
Interessen, aber verantwortungsbewusst und staatsmännisch
handelnd, fanden die Lösung ohne Krieg: Herstellung der Souveränität der DDR an ihren Grenzen zu Westberlin und Westdeutschland, ohne die Rechte der Alliierten in Frage zu stellen und Akzeptanz der Kennedy-Forderungen – Präsenz der Westmächte in Berlin, ungestörtes Zugangsrecht, Sicherheit und Freiheit der Westberliner. Man könnte denken, der Kalte Krieg dieser Zeit sei spätestens nach der vollständigen Souveränität des
vereinigten Deutschlands im März 1991 passé. Aber nein! Zumindest zum 50. Jahrestag des Mauerbaus spielen
wieder einige politisch verrückt in diesem Land.
Reinhard Kärbsch
Zeittafel
12. September 1944: Im Londoner Protokoll einigen sich die Drei
Mächte über die Besatzungszonen und die Verwaltung von Groß-
Berlin. Ein Alliierter Kontrollrat mit Sitz in Berlin soll das gemeinsame
Vorgehen in allen Zonen sichern.
1948: Politische und wirtschaftliche Teilung Berlins. Blockade
(24. Juni 1948 – 12. Mai 1949) und Luftbrücke (8. Juli 1948 – 30.
September 1949) markieren Höhepunkte im Kalten Krieg.
27. November 1958: Die UdSSR erklärt in einem Memorandum
an die Westmächte und die Regierungen der beiden deutschen
Staaten, dass sie die Vereinbarung der European Advisory
Commission (EAC, Europäische Beratende Kommission) vom 12.
September 1944 und die sich daran knüpfenden Einzelabkommen
über die Rechte der Westalliierten in Berlin, die für die ersten
Nachkriegsjahre getroffen worden waren, als nicht mehr in Kraft
befindlich betrachte. Für Verhandlungen zur Neubestimmung des
Berlin-Status als „entmilitarisierte Freie Stadt“ setzt die Sowjetunion eine Frist von sechs Monaten (Berlin-Ultimatum).
3. und 4. Juni1961: Das Gipfeltreffen zwischen dem
amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita S. Chruschtschow führt nicht zur Beilegung der aktuellen Spannungen in der Berlin-Frage.
Chruschtschow überreicht ein Memorandum, das anregt, die Fragen der deutschen Wiedervereinigung in die Kompetenz der
beiden deutschen Staaten zu übergeben.
19. und 25. Juli 1961: Präsident Kennedy verkündet die „three
essentials“ für eine Konfliktregulierung in Berlin: 1. Die Freiheit
der Bevölkerung von Westberlin, ihr eigenes politisches System
zu wählen. 2. Die Anwesenheit westlicher Truppen, solange sie
von der Bevölkerung gewünscht und benötigt werden. 3. Den
ungehinderten Zugang zur Stadt vom Westen auf der Autobahn
sowie auf den Luft- und Wasserwegen.
3. bis 5. August 1961: Beratung der Ersten Sekretäre der ZK der
Kommunistischen und Arbeiterparteien der Staaten des Warschauer Vertrages in Moskau über die Vorbereitung eines deutschen Friedensvertrages. Die Beratung billigt die von der DDR und UdSSR vorgesehenen „Maßnahmen zur Sicherung des Friedens“.
13. August 1961: Nach Alarm um Mitternacht Errichtung von
Stacheldrahtbarrieren zwischen dem sowjetischen Sektor und dem
Bezirk Potsdam sowie den Westsektoren von Berlin. Verstärkung
der Grenzbefestigungsanlagen zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Unterbrechung des S- und U-Bahnverkehrs, Einrichtung von Grenzübergangsstellen, die allerdings von der Mehrheit der DDR-Bevölkerung nicht benutzt werden können.
15. August 1961: An der Ostseite der Ackerstraße werden Betonteile, 1,25 Meter mal 1,25 Meter groß und 20 Zentimeter dick, nebeneinander gesetzt und mit Mörtel verschmiert. Der Abstandzur eigentlichen Grenze beträgt fünf Meter.
19. August1961: US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson wird begeistert von den Westberlinern empfangen.
22. August 1961: Bei einem Fluchtversuch stirbt Ida Siekmann.
Sie springt aus dem dritten Stock ihres Wohnhauses und verletzt
sich tödlich. Sie ist vermutlich das erste Opfer.
26. Juni 1963: US-Präsident John F. Kennedy besucht Westberlin
und erklärt: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen,
sind Bürger dieser Stadt, und als freier Mensch spreche ich deshalb voll Stolz die Worte: ,Ich bin ein Berliner.’“
9. November 1989: Maueröffnung, Jubelfeiern in beiden Teilen
Berlins: „Wahnsinn!“
Quelle: Siegfried Prokop, Die Berliner Mauer (1961-1989) – Fakten,
Hintergründe, Probleme, Kai Homilius Verlag, Seite 91 ff.
—————————————————————-
Der Artikel ist erschienen:
Links der Neiße – Linke Monatszeitung im Landkreis Görlitz, August 2011, Jhrg.2/Nr. 19
Weitere Informationen gibt es auch direkt bei den Genossinnen und Genossen der LINKEN Görlitz.
