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Quelle: Steffen Niese in Granma internacional, Januar 2013, Nr. 1, Jahrgang 48

Mit Marx zum Doktortitel in Havanna – Ein Tischler aus der Heimat des Philosophen verfasst auf Kuba seine Philosophie-Dissertation

Linksjugend ['solid] Paderborn

Es gab Zeiten, in denen schickte Kuba seine angehenden Wissenschaftler in das sozialistische Deutschland, damit sie in der Heimat von Kant und Hegel, Engels und Marx Philosophie studierten. Jetzt nahm ein Deutscher den umgekehrten Weg und beendete an der Universität von Havanna seine Doktorarbeit über die Rolle der Metaphorik für den Marxschen Technikbegriff, von der Anregungen für eine erweiterte Lesart des Marxismus auf Kuba ausgehen könnten.

Der Verteidigung der Arbeit, die den öffentlichen Abschluss des Promotionsprozesses darstellt, wohnten am 12. Dezember 2012 weit über fünfzig Personen im großen Saal der Fragua Martiana bei. Hier befand sich einst ein Steinbruch, in dem der siebzehnjährige kubanische Nationalheld José Martí vor anderthalb Jahrhunderten unter der spanischen Kolonialmacht Zwangsarbeit leisten musste. Eine Statue im Innenhof der Fragua zeigt einen schmächtigen Jungen, der mit stolzer Verachtung seine Fußketten trägt und uns daran erinnert, dass der Philosophie gerade in den heutigen, anderen Zeiten eine geschichtliche Verantwortung zukommt.

Als Tobias Kriele im Jahr 2003 nach Kuba kam, war er ein Tischler, der zunächst nur die Erfahrung suchte, für ein Jahr in Havanna zu studieren. Daraus wurde ein Promotionsprojekt im Fach Philosophie, in dem es um die Frage geht, inwiefern das Werk von Karl Marx Anhaltspunkte für einen auch heute noch aufschlussreichen Technikbegriff bietet.

Worin besteht der Ansatz der Forschungen, die der Dissertation zugrunde liegen? Kriele geht davon aus, dass die technokratischen Auffassungen, wie sie Karl Marx gelegentlich zugeschrieben werden, auf einer voreingenommenen Lektüre seiner Werke beruhen. Tatsächlich hat Marx sich zu Lebzeiten nie eigentlich dazu geäußert, was unter Technik genau zu verstehen und wie sie in ihrem Zusammenwirken mit gesellschaftlichen Veränderungen zu begreifen sei. Nichtsdestotrotz bietet sein Werk reichhaltige Antworten – allerdings in den Metaphern verborgen, mittels derer Marx sich den ansonsten wenig fassbaren Bereichen der Technologieproblematik nähert. Die Interpretation der marxschen metaphorischen Rede eröffnet eine unbekannte philosophische Dimension der Behandlung der Technik. Diese Grundannahme der Arbeit wird durch eine umfangreiche theoretische Abhandlung unterbaut, in der nachgewiesen wird, dass einige besondere Metaphern eine dialektische Form des Denkens anregen. Dieser Gedanke wird anhand des marxschen Hauptwerkes, des Kapital, untersucht, was zu unerwarteten Erkenntnissen hinsichtlich der Systematik des Metapherngebrauchs sowie der daraus hervorgehenden gewichtigen Bedeutung im philosophischen Werk dieses Klassikers führt.

Im Laufe der vierstündigen Verteidigung fragte der Gegengutachter Dr. Freddy Varona nach einer vertiefenden Begründung der in der Arbeit formulierten These, wonach die Technologie keine eigenständige Bewegung vollziehe, sondern nur in indirekter Weise eine gesellschaftliche Dynamik ausdrücke. Kriele entgegnete mit dem Beispiel eines zwergenhaften Webstuhls aus der ersten Industrialisierungsphase der deutschen Textilindustrie, in dem sich die für den frühen Kapitalismus charakteristische Notwendigkeit, Kinderarbeit auszubeuten, widerspiegelte.

Dr. Teresita Díaz, die zweite Gegengutachterin, verlangte eine Stellungnahme zur Rolle der Metaphorik in den Werken von Friedrich Nietzsche und María Zambrano, was den Doktoranden zu Ausführungen über die metaphorische Vorwegnahme des Begriffes des Konstruktivismus beim deutschen Philosophen veranlasste.

Die weiteren Wortmeldungen betonten ausnahmslos den großen Wert, den die hier vorgestellte Doktorarbeit für die kubanische Marxforschung haben könnte. Isabel Monal, Direktorin der Theoriezeitschrift Marx Ahora, machte sich eine der abschließenden Empfehlungen der Arbeit zu eigen und betonte die Notwendigkeit einer überarbeiteten Übersetzung der marxschen Werke, vor allem des Kapital, ins Spanische. Denn bislang zirkulieren in Kuba ausschließlich spanische Übersetzungen der Werke von Karl Marx, die in Moskau angefertigt wurden und auf den russischen Ausgaben beruhten.

Vielfach wurde der große Anteil des Betreuers Dr. Carlos J. Delgado am Erfolg der Arbeit betont. Dieser brachte seine große Zufriedenheit über die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Doktoranden zum Ausdruck. Nach einer kurzen Beratung verkündete das Tribunal schließlich die Entscheidung, Tobias Kriele den Doktortitel zuzusprechen. Das Schlusswort kam dem Prüfling zu, der an erster Stelle seiner Danksagung das kubanische Volk nannte, das in der ihm eigenen Gastfreundschaft die hart erkämpften Errungenschaften seiner Revolution mit Freunden aus anderen Ländern teilt.

Quelle: Steffen Niese in Granma internacional, Januar 2013, Nr. 1, Jahrgang 48

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