21. November 2009 DIE LINKE. Paderborn, Holger Priebe

Bildungsstreik 2009

Politisch engagierte Studierende – gestrige Forderungen?

Laut Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) ist das durch den Bologna-Prozess initiierte Bildungssystem alternativenlos. Die Forderungen der Studierenden nach Verbesserungen im Bildungssystem und die Kritik am System der universitären Bildungswege sei teilweise „gestrig“. Schavan deutet besonders darauf hin, dass die Studierenden auch Fakten zur Kenntnis nehmen müssten, und dass Deutschland ein Teil des europäischen Bildungsraumes sei.

Es ist nur natürlich, dass ein Bildungsstreik der Regierung alles andere als gelegen kommt, aber eine so pauschale Bagatellisierung der Kritik der Studierenden erweckt den Eindruck, dass Frau Schavan bereits während ihres eigenen Studiums der Erziehungswissenschaft starke inhaltliche Begrenzungen vorgenommen hat. Hätte sie mehrere Seminare im Bereich der Kommunikationswissenschaft besucht wäre ihr jetzt sicherlich aufgefallen, dass die Studierenden keinesfalls die Fakten nicht zur Kenntnis nehmen, dass es überhaupt nicht um Kenntnisnahme geht, sondern um die Bewertung dessen, was durchaus bekannt ist. 

Selbstverständlich ist es auch ein Fakt, dass Deutschland Teil des europäischen Bildungsraumes ist, das war es schon vor Bologna, allein aus geographischen Erwägungen. Was uns Schavan aber eigentlich mitteilen möchte ist, dass durch Verträge und Regelungen geschaffene Fakten im Nachhinein nicht mehr kritisiert werden dürfen, schon gar nicht wenn sie selbst an der Schaffung dieser Fakten beteiligt war.  

Dass aus all dem keinerlei Aussage über die Qualität der Bildung in Deutschland ableitbar ist, dürfte offensichtlich sein; das ist es auch für die Ministerin für Bildung und Forschung: aber die Probleme finden sich natürlich in den Universitäten und Schulen und nicht in der Politik. Oder um es mit Frau Sommer zu sagen: Erfüllen wir doch Bildungsstandards durch weniger Überforderung der Schüler und Schülerinnen und weniger Hausaufgaben. 

Interessant ist es in diesem Zusammenhang auch, zu hören, dass den Studierenden klar gemacht werden müsse, welche Chancen sich Ihnen heute offenbaren. Auch diese Aussage klänge erfreulich, hätte sie doch nur das Geringste mit Bachelor- und Master-Studiengängen zu tun, wobei die Chance letztere Studienplätze belegen zu können schon sehr begrenzt ist. Ich würde dem entgegenhalten, dass die Studentinnen und Studenten ihre Chancen sehr gut einschätzen können, wenn sie schon vom ersten Tag an der Universität darin ausgebildet werden, im Wettkampf mit ihren Mitstudierenden einen der heiß begehrten Sitzplätze in den Hörsälen zu ergattern. 

Dass die in Bologna ebenfalls formulierte Forderung nach mehr Mobilität der Studierenden sich in den letzten Tagen – wenn auch anders als angedacht – erfüllt hat, ist ein gutes Zeichen: es zeigt uns, dass die Studentinnen und Studenten keinesfalls so unpolitisch sind, wie es ihnen häufig vorgehalten wird. Es zeigt, dass sie vielerorts bereit sind, auch persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen, um auf die Missstände in unserem Land hinzuweisen.  

Diese Missstände gehen uns alle an, denn das deutsche Bildungssystem ist die Basis auf der wir die Zukunft der deutschen Wirtschaft und damit des Wohls aller in Deutschland lebenden Menschen errichten.