4. Februar 2008

Gegen soziale Ausgrenzung

Experten krietiesieren auf Bielefelder Tagung zunehmende Kinderarmut


Eine grundlegende Neugestaltung der Kinder- und Jugendpolitik haben Erziehungswissenschaftler am Wochenende in einer „Bielefelder Erklärung“ gefordert. Es sei ein Skandal, wie die „sozialen Spaltungen entlang von Klassen-, Migrations-, Alters- und Geschlechtergrenzen“ in der Gesellschaft mehr und mehr akzeptiert würden. Es müsse gesichert sein, dass alle gleichermaßen unter anderem Zugang zu guter gesundheitlicher Versorgung, zu guter Bildung und zu Freizeitmöglichkeiten haben.

Die in den letzten 25 Jahren zu beobachtende stetige Zunahme prekärer Lebenslagen sei im Wesentlichen strukturell bedingt und nicht Schuld des Einzelnen, heißt es in der Erklärung, die auf der dreitägigen internationalen Fachtagung über Kinderarmut verabschiedet wurde. Familien „in benachteiligenden Lebenslagen“ und insbesondere die mit Migrationshintergrund würden durch „Diffamierungskampagnen“ stigmatisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt.

Um dem entgegenzuwirken, fordern die Tagungsteilnehmer die Bereitstellung einer „sozialen Infrastruktur“. In letzter Zeit habe sich die Infrastruktur wegen der Mittelkürzungen jedoch verschlechtert, erklärten die Erziehungswissenschaftler Fabian Kessl und Hans-Uwe Otto als Mitveranstalter der Tagung. So leben nach ihren Angaben zwei Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze. Allein in Nordrhein-Westfalen gilt nach offiziellen Angaben jedes vierte Kind als arm. Ohne die Hilfs- und Unterstützungsangebote kirchlicher Hilfswerke läge die Armutsquote noch deutlich darüber, bei 40 Prozent.

Doch so notwendig individuelle Hilfsangebote auch seien, sie allein genügten nicht mehr. In diesem Zusammenhang kritisierte Otto die Kirchen. Sie nutzten ihre mächtige politische Position und ihre Einflussmöglichkeiten „nur selten, fast gar nicht“. Von ihnen erwartet der Erziehungswissenschaftler ein deutlich stärkeres gesellschaftspolitisches Engagement, um entsprechende Strategien für eine Neugestaltung mitzuentwickeln. Dabei gehe es auch darum, die bestehenden Ungerechtigkeiten, besonders bei der Ressourcenverteilung, zu beseitigen.  

© 2008 Neue Westfälische  Paderborner Kreiszeitung, Montag 04. Februar 2008